© Benjamin Zibner, Berlin

Schriftliches Grußwort

vom Initiator des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses Wilhelm von Boddien zur Verleihung des „Kunstpreis Deutschland“ 2019

Als ich die Anfrage erhielt, ob ich die Schirmherrschaft über den Kunstpreis Deutschland 2019 mit dem Thema „Architektur | Macht | Identität“ übernehmen würde, war ich ein wenig überrascht, bin ich doch auf diesem Gebiet nur ein Autodidakt, mit lernend erworbenen Kenntnissen zur Architektur und Architekturgeschichte.

Weil ich als Initiator des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses jahrelang einen perfekt organisierten, mächtigen Widerstand gerade aus der Architekten- und der
Kunstgeschichtsfunktionärslobby überwinden musste, sehe ich im Thema des diesjährigen Preises eine große Chance für den künftigen Städtebau, institutionelle Verkrustungen und Rechthaberei aufzubrechen und damit vielleicht sogar eine erste Weichenstellung für eine neue Richtung der Architektur unserer Städte zu initiieren.

Das Schloss wiederaufzubauen, hieß doch zuerst, die unglaubliche Macht der Moderne und ihrer Institutionen zu überwinden, die sich mit ihrer sehr erfolgreichen Lobbyarbeit einen entscheidenden Einfluss auf die Baugeschichte der Nachkriegszeit gesichert hat. Sie beherrscht die Hochschulen, Universitäten und Bauinstitutionen und nimmt bei der, meist in Absprache mit den staatlichen Ämtern, klug verteilten Besetzung der Preisgerichte von Architekturwettbewerben in dominanter Weise Einfluss auf unsere Stadtgestaltung. Die Moderne, gerade in unseren durch den Bombenkrieg und die Abrisswut der Nachkriegszeit zerstörten Städten, hat diese im Wiederaufbau so zum Teil gesichtslos gemacht. Ohne die wenigen erhaltenen historischen Bauten und das umgebende Landschaftsbild sähen sie fast alle gleich aus, weil sie sich seit dem Kriegsende eher einer anonymen Form aus dem Diktat der überall gleichen Preis-Kosten-Nutzen-Rechnung überantwortet haben.

Dies führte aber auch zu immer mehr bürgerschaftlichem Engagement für die Rekonstruktion wertvoller, identitätsstiftender historischer Gebäude und Ensembles, in Berlin, Potsdam, Hannover, Hildesheim, Braunschweig, Münster, Dresden, Mainz, Frankfurt am Main und vielen Städten mehr, bis hin nach Kleve am Niederrhein.

So sehe ich für mich den Begriff der verlorenen städtebaulichen Identität und Individualität unserer Kommunen bei diesem Kunstpreis gleichberechtigt neben den beiden anderen Themen, ja sogar als Herausforderung an diese, bei der Vergabe der Preise sich ganz besonders mit dem Thema Macht und Orthodoxie der Moderne auseinanderzusetzen. Den diesjährigen Kunstpreis begreife ich als eine große Chance, hier einen Richtungswechsel auch in den Institutionen zu beginnen, der wie in früheren Zeiten der Schönheit der Stadt insgesamt wieder den Primat vor den wirtschaftlichen oder nutzbringenden Interessen zurückgibt.

Nur wenn, wie im Titel des Kunstpreises Deutschland 2019 aufgeführt, eine faire Gleichberechtigung der drei Begriffe „Architektur | Macht | Identität“ entsteht und diese die
Interessen der Einwohner der Städte mit einbeziehen, werden unsere Städte wieder vielfältig und schön. Die Architektur als Mutter der Künste sollte vor allem den betroffenen Menschen und ihren Bedürfnissen dienen – und nicht weitgehend nur dem Geltungsbedürfnis der sog. Stararchitekten und Investorenlobby.

Wilhelm von Boddien